Andreas Warler an der König-Orgel im Kloster Steinfeld

Himmlische Klänge: Andreas Warler und die König-Orgel von Steinfeld

Als ich Andreas Warler Anfang des Jahres treffe, frage ich ihn, ob er mir für meine Website einmal ein Interview gibt bzw. mir „seine“ weltberühmte König-Orgel vorstellt. Er sagt sofort zu, und wir verabreden uns an einem Donnerstagnachmittag.

Andreas Warler in der Basilika des Klosters Steinfeld
Andreas Warler in der Basilika des Klosters Steinfeld

Andreas Warler, Jahrgang 1965, ist seit 1989 Basilika-Organist an der König-Orgel zu Steinfeld, hervorragender Interpret und ein Meister der Orgel-Improvisation. Zahlreiche CD-Einspielungen zeugen davon.

Seit 1992 ist er außerdem Organisator und künstlerischer Leiter der „Steinfelder Vesperkonzerte“.

Historische Lettner-Türe
Historische Lettner-Türe

Als ich die Basilika in Steinfeld betrete, höre ich bereits die wunderbaren Klänge der Orgel. Ich gehe durch die gotische Lettner-Türe aus dem 16. Jh. die alte Treppe zur Orgelbühne hinauf, wo Andreas bereits an der Orgel auf mich wartet.

Blick über den Hermann-Joseph-Sarkophag zum Hochaltar
Blick über den Hermann-Joseph-Sarkophag zum Hochaltar
Ehemaliger Standort des Lettners
Ehemaliger Standort des Lettners

Andreas geht mit mir hinunter in die Kirche, vorbei am stets mit Äpfeln geschmückten Sarkophag des Hl. Hermann-Josef, zum ehemaligen Standort des Lettners (bis 1509), auf dem vermutlich die erste Orgel stand, und der, versetzt in das Eingangsjoch, nun die weltberühmte König-Orgel trägt. Von hier aus hat man einen herrlichen Blick auf das wertvolle Instrument.

Blick zur Orgel
Blick zur Orgel
Blick zum barocken Hochaltar
Blick zum barocken Hochaltar

Wir gehen noch weiter, bis hinter den Altar, wo sich das alte Chorgestühl befindet, das teilweise um 1500 gefertigt wurde. Der Hochaltar dürfte einer der frühesten Barockaltäre sein. Mich faszinieren die vielen Reliquien, die von Pilgern seit Jahrhunderten nach Steinfeld gebracht wurden.

Reliquien
Reliquien
Reliquien
Reliquien
Prospekt der König-Orgel zu Steinfeld
Prospekt der König-Orgel zu Steinfeld
Die Orgel auf dem alten Lettner, im Vordergrund der Hermann-Josef-Sarkophag
Die Orgel auf dem alten Lettner, im Vordergrund der Hermann-Josef-Sarkophag

Andreas erklärt mir, dass der mit dem berühmten Elsässer Orgelbauer Andreas Silbermann befreundete Balthasar König 1727 den Auftrag zum Bau der Orgel erhielt. Sie sollte 29 Register, verteilt auf 3 Manuale erhalten. Das Pedal wurde angehängt, vermutlich erhielt es aus Kostengründen kein eigenes Werk. 17 Register wurden von der Vorgängerorgel übernommen. Es war ein Glück für die Orgel, dass sich die Pfarre Anfang des 19. Jh. nur die allernotwendigsten Reparaturen leisten konnte und 1879 lediglich das Geld für ein eigenständiges Pedalwerk mit 4 Registern (allerdings nur über eine Oktave) vorhanden war. So blieb die Orgel bis 1934 praktisch unverändert. 1934 fiel die Orgel dann dem Zeitgeist zum Opfer. Es wurde die Mechanik  entfernt, die Orgel elektrifiziert und zu einer „romantischen“ Orgel umgebaut/erweitert. Zusätzlich wurde die Temparatur (Stimmung) der Orgel verändert. Dazu mussten die wertvollen Pfeifen zum Teil versetzt und teilweise beschnitten oder verlängert werden. Die Orgel enthielt nun 47 Register.

Aus altem Holz gedrechselt
Aus altem Holz gedrechselt

Da es sich abzeichnete, dass die Orgel bald funktionsuntüchtig sein würde, begannenen 1973 Forschungsarbeiten über den ursprünglichen Zustand der König-Orgel.  Ab 1977 wurde die inzwischen unspielbare Orgel in vierjähriger Arbeit restauriert. Mechanische Teile, die durch den Umbau 1934 abhanden gekommen waren, durften aber nur mit Materialien wiederhergestellt werden, wie sie zur Zeit Königs verwendet wurden (z.B. Holz- statt Metallschrauben). Selbst die Registerzüge wurden aus 300 Jahre altem Holz gedrechselt.

So entstand die Orgel wieder im annähernd ursprünglichen Zustand mit 29 klingenden Registern in den Manualen, aber mit voll ausgebautem Pedal (6 Register).

Andreas und ich gehen wieder hoch zur Orgel und ich erhalte einen Einblick in das faszinierende Innenleben der Königin der Instrumente.

Kobold 1' :-)
Kobold 1′ 🙂

Zuerst zeigt Andreas mir, dass der Wind (die Luft) für die Orgel nicht nur mit dem elektrischen Gebläse, sondern auch durch einen Kalkanten per Hand (bzw. Fuß) erzeugt werden kann.

Fußbetrieb Blasebalg für den Kalkanten
Fußbetrieb Blasebalg für den Kalkanten

Dann werfen wir einen Blick auf die mechanische Spiel-Traktur, die den jeweiligen Tastendruck bis hin zum Pfeifen-Ventil überträgt.

Spielschrankrueckseite
Spielschrankrueckseite
Traktur (Abstrakten)
Traktur (Abstrakten)

Überaus spannend ist der Blick auf die uralten Pfeifen, die auf Leinen ausgewalzt wurden und auf denen die Leinenstruktur heute noch zu sehen ist.

Orgelpfeifen mit Leinenstruktur
Orgelpfeifen mit Leinenstruktur
Pfeifen der C-Seite des Hauptwerks
Pfeifen der C-Seite des Hauptwerks
Rückpositiv
Rückpositiv
Pedal Cis-Seite
Pedal Cis-Seite
Stimmen der Pedal-Zungen
Stimmen der Pedal-Zungen
Stimmen der Pedal-Zungen
Stimmen der Pedal-Zungen
Papierbeklebte alte Pedalpfeife
Papierbeklebte alte Pedalpfeife

Zu sehen ist auch, dass einige aus aus dem Kirchenraum sehenden Pfeifen im Prospekt der Orgel, nur Attrappen sind. Es handelt sich um die jeweils oberen Kassetten im Hauptwerk und im Rückpositiv.

Holzatrappen
Holzatrappen
Teufelsfratzen an den Pfeifen
Teufelsfratzen an den Pfeifen

Auch auf die Bemalung einiger klingender Pfeifen im Orgelprospekt geht Andreas ein. Einige der Pfeifen sind nämlich mit Teufelsfratzen verziert. Dabei werden die Labien der Pfeifen als Mundöffnung der Teufelsfratzen  genutzt. Andreas erklärt mir seine Interpretation der Bedeutung dieser Bemalung: „Die Orgel spielt zur Ehre Gottes. Und dadurch, dass die Pfeifen-Lippen (Labien) die Lippen der Teufelsfratzen bilden, wird so der Teufel gezwungen, zur Ehre Gottes zu singen.“

Aufgang zum Hauptwerk
Aufgang zum Hauptwerk
Aufgang zum Hauptwerk
Aufgang zum Hauptwerk

Schließlich klettern wir noch in die obere Etage der Orgel. Andreas zuerst, dann ich. Fast hätte ich oben die Leiter umgestoßen. Ich konnte es gerade noch verhindern. Sonst säßen heute zwei vom Organisten zum Sensenmann mutierte Gerippe auf der Orgel.

Zugang zu den Abstrakten der Spieltraktur
Zugang zu den Abstrakten der Spieltraktur

Es ist für mich immer schwierig, an der König-Orgel ist, die Registerzüge den einzelnen Werken zuzuordnen, denn die Anordnung der Züge ist sehr ungewöhnlich. Andreas bestätigt, dass alle Organisten damit Schwierigkeiten haben, wenn sie selten an dem Instrument spielen. Da wäre eine Vorlage zur Hilfe gut. Ich sage ihm, dass ich mir etwas überlegen werde.

Ich fotografiere die einzelnen Registerzüge und stelle daraus eine Hilfe für „König-Orgel-Novizen“ zusammen. Du kannst sie hier: Registerhilfe König-Orgel Steinfeld als PDF herunterladen und bist auch gleichzeitig im Besitz der Orgeldisposition.

Orgelschuhe
Orgelschuhe

Andreas zieht nun seine Orgelschuhe an, während er mir erklärt, dass er die speziellen Schuhe aus den USA bezieht (OrganMaster Shoes).  Nun gibt er mir einige Kostproben seines Könnens und vor allem einige wunderschöne Klangbeispiele dieses einmaligen Instruments.

Andreas Warler spielt N.W. Gade an der König-Orgel Steinfeld
Andreas Warler spielt N.W. Gade an der König-Orgel Steinfeld

Lieber Andreas, vielen Dank für deine Mühe und die vielen interessanten Informationen, die ich an dieser Stelle gar nicht alle wiedergeben kann.

Andreas Warler an der König-Orgel Steinfeld
Andreas Warler an der König-Orgel Steinfeld
Andreas Warler an der König-Orgel im Kloster Steinfeld
Andreas Warler an der König-Orgel im Kloster Steinfeld

Ich kann nur jedem empfehlen, sich dieses wunderbare Instrument und seinen Meister einmal anzuhören!

Hier einige weiterführende Links zu Andreas Warler, seinen CDs, den Konzertterminen, zum Kloster Steinfeld und zur König-Orgel:

Website von Andreas Warler

Reiseführer des Prämonstratenser-Ordens – Kall/Steinfeld

Website des Salvatorianer-Klosters Steinfeld

4 Gedanken zu „Himmlische Klänge: Andreas Warler und die König-Orgel von Steinfeld“

  1. Lieber Ronald, die besten Grüße aus einem der ältesten christianisierten Länder, in dem das orthodoxe Christentum täglich sichtbar von einem Großteil der Menschen auch offen gelebt wird. Mir kommt beim Lesen des tollen Artikels die Analogie in den Sinn, dass auch Orgeln und die sie umgebenden Gebäude sichtbare Zeichen des Christentums sind. Während hier aber die Kirchen voll und der Glaube gelebt wird, sind unsere Kirchen eher leer. Herr … schau auf den Glaube deiner Kirche …
    mit dem ists manchmal nicht so weit her…
    Beste Grüße aus Äthiopien,
    Georg Villinger

    1. Lieber Georg,
      schön, wieder einmal von Dir zu hören!
      Vielen Dank für den treffenden Kommentar. Ich hoffe, dass wir uns in diesem Jahr in Deiner Heimat sehen werden.
      Liebe Grüße aus der Nordeifel nach Äthiopien
      Ronald

    1. Liebe Holle,
      schön, dass Dir als Fachfrau der Bericht gefällt! Andreas hat mir unglaublich viel über die Basilika und die Orgel erzählt. In so einem Bericht kann man leider nur ein Bruchteil davon wiedergeben.
      Liebe Grüße nach Kall (auch von Erika!)
      Ronald

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