Weihnachtsmarkt

Ein Weihnachtsmarkt-Besuch oder: Wi wisch ju ä märri krissmäss änd ä häppi nju jier

Heute besuche ich mit meiner Frau den Weihnachtsmarkt in der nahegelegenen Kreisstadt. Früher empfing uns der Weihnachtsmarkt mit so schönen Liedern wie „O Tannenbaum“, „Süßer die Glocken nie klingen“ oder „Fröhliche Weihnacht überall“. Die Älteren unter uns werden sich wohl noch an diese Lieder dunkel erinnern.

Als meine Frau und ich uns dem Weihnachtsmarkt nähern, hören wir schon von weitem „Jingle Bells“, „White Christmas“, „Rudolph, the Red-Nosed Reendeer“ , „Last Christmas“, „I’d Like to Hitch a Ride With Santa Clause“ , „I Saw Mommy Kissing Santa Claus“ und „We Wish You a Merry Christmas“. Nicht zu übersehen ist der große, dicke Coca-Cola-Weihnachtsmann. Da die Adventszeit mit einem besonderen Stern zu tun hat, zähle ich die Sterne auf der Amerikanischen Flagge. Einundfünfzig? Hatte die Flagge bisher nicht immer 50 Sterne? Habe ich mich verzählt oder steht der 51. Stern etwa schon für die Bundesrepublik Deutschland? Sei’s drum. Wir nähern uns dem Karussell, denn von dort höre ich endlich altbekannte Weihnachtsmelodien „O du fröhliche“, „Stille Nacht“, „Ihr Kinderlein kommet“. Beim Näherkommen verstehe ich auch die gesungenen Texte zu den Melodien: „O how joyfully“, „Silent Night“, „Oh, come, little children“ wird da gesungen. Ich vermute, dass der Karussellbetreiber sich bei der CIA nicht verdächtig machen oder gar als rechtsradikal eingestuft werden will, weil er Deutsche Texte öffentlich zu Gehör bringt.

Da entdecken wir einen Nikolaus, der gerade Kleinigkeiten an die Kinder verteilt. Seinen Bischofsstab ziert ein in die Krümme dezent eingearbeiteter Halbmond. Das Kreuz auf der Kasel, seinem liturgischen Gewand, hat er mit Rücksicht auf unsere islamistischen Mitbürger vorsichtshalber entfernt.

Leider muss der Nikolaus auf seine Gehilfen, den Knecht Ruprecht und den Hans Muff verzichten, weil so viele Eltern befürchten, dass diese überaus bösen Gesellen ihren Kindern Angst machen und die Kleinen irreparable psychische Schäden davontragen könnten. Die Eltern wissen das wohl aus eigener Erfahrung. Viele dieser überängstlichen Eltern haben deshalb ihre Kinder nicht mit auf den Weihnachtsmarkt genommen. Die Süßen sitzen jetzt mutterseelenallein vor ihren Computern und spielen Doom, Counter-Strike, Wolfenstein 3D und andere Ballerspiele, um ihr seelisches Gleichgewicht zu erhalten.

In einer Ecke des Weihnachtsmarktes wird ein Wunderkind ausgestellt. Noch bevor es „Mama“ und „Papa“ sagen konnte, sprach es wohl schon die Worte „Highscore“, „Lara Croft“ und „Handy“. Außerdem kann das sprachhochbegabte Kind bereits jetzt virtuos mit dem Smartphone umgehen. Das sind die Stars von morgen, die wir brauchen, um unsere Welt nachhaltig zu verändern!

Auf dem Weg zur Fischbude kommen wir an dem einzigen Stand vorbei, der uns mit großen Lettern frohe Weihnachten wünscht: „Merry Christmas“ lesen wir.

Die Fischbude wird ganz offensichtlich intensiv vom Verfassungsschutz beobachtet. Der Betreiber der Bude hat sich einen Skandal erlaubt. Er hat das schöne alte Wort „Bakschisch“ verunstaltet und über seine Bude groß „Backfisch“ (Link aufrufen!) geschrieben. Die Eindeutschung deutet auf rechtsradikale Tendenzen und der Ausdruck auf sexistische Hintergründe hin. Gerade wegen des letzteren Vorwurfs hofft der Budenbesitzer auf die neue amerikanische Regierung und eine Generalamnesie.

Auf dem Weg zur „Lebenden Krippe“ begegnet uns eine Frau, die stolz ihre weit geöffnete Handtasche trägt, sodass jeder mit einem Blick sehen kann, dass Portemonnaie und Schlüssel bereits entwendet wurden. Vor so viel Rücksichtnahme auf die armen Trickdiebe unter unseren Mitbürgern kann man nur den Hut ziehen. Denn diese vorbildliche Verhaltensweise führt dazu, dass die zurzeit völlig überlasteten Trickdiebe nicht ausschließlich für den Papierkorb arbeiten müssen. Die Frau erklärt uns, dass sie überdies noch jeden Schlüssel ihres abhanden gekommenen Schlüsselbundes genau beschriftet hat, damit die Arbeit der neuen Besitzer rationeller von statten gehen kann.

Kurz nachdem wir an der noch lebenden Krippe angekommen sind, treffen die Waisen aus dem Wallonen-Land ein. Sie waren dem strahlenden Stern aus Thiange gefolgt und vom Westwind zu uns getragen worden. Wunderbares haben sie mitgebracht: Ein Geiger-Müller-Zählrohr zum Spielen, herrliches Berliner Blau zum Malen und vor allem gegen Cäsium und Thallium. Und sie haben die allerfeinsten und köstlichsten Jodtabletten mitgebracht. Das alles überreichen sie dem Kind in der noch lebenden Krippe. Uns steigen vor Rührung die Tränen in die Augen.

Welch ein kultureller Reichtum, der uns von überall her erreicht. Da können wir unsere eigene Kultur getrost in die Tonne kloppen!

In diesem Sinne: Frohe Weihnachten – ääähhh sorry: Wi wisch ju ä märri krissmäss änd ä häppi nju jier!

2 Gedanken zu „Ein Weihnachtsmarkt-Besuch oder: Wi wisch ju ä märri krissmäss änd ä häppi nju jier“

  1. Du hast Recht Ronald. Die deutschen Weihnachtslieder sind doch so schön. Weißt du noch, Weihnachten du an der Orgel und wir haben schöne deutsche Weihnachtslieder gesungen. (wir durften ja keine englischen Lieder singen:-))). Aber da habe ich auch festgestellt, dass ich sogar einige Texte gar nicht mehr richtig singen konnte, weil sie einfach aus dem Gedächtnis verschwunden waren, vor lauter Jingle Bells und Merry Christmas. Erschreckend finde ich das.

    LG Heidi

    1. Hallo Heidi,
      danke für deinen Kommentar!
      Es ist ja wirklich so. Sagst du einem Kind: „Sing mal ein Weihnachtslied!“,dann ertönt „Jingle Bells“.
      Vor Jahren schon habe ich im Fernsehen ein Interview mit dem brühmten Stardirigenten Enoch zu Guttenberg gesehen. Da hat er sinngemäß gesagt, dass wir dabei sind, unsere Kultur abzuschaffen. Wir haben überhaupt keine Achtung mehr vor den Werten, die uns groß gemacht haben. Ich könnte mich jetzt seitenweise darüber auslassen, nehme aber statt dessen lieber eine „Beruhigungspille“.
      Liebe Grüße
      Schwager Ronald

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