Auch innen schön: Die Darmspiegelung

In meinem Darm hat eigentlich niemand etwas zu suchen – außer mein Internist. Der will nun dort alles Mögliche untersuchen. Und zwar mit einer Kamera so ähnlich wie die der Leute von Kanal-TV bei der Dichtheitsprüfung der Abwasserkanäle. Nur ist die Kamera meines Arztes glücklicherweise nicht ganz so groß. Ein Bericht über meine persönliche Darmspiegelung (Koloskopie oder Colonoskopie) – da bist du natürlich gespannt auf die Fotos. Ein Live-Mitschnitt war aus verständlichen Gründen nicht möglich. Also musst du mit einem fotolosen Bericht vorliebnehmen. Aber beginnen wir von vorne.

Eine Woche vor der Untersuchung meines Abwasserkanals muss ich zur Vorbesprechung. Einen langen Fragebogen muss ich ausfüllen. Der Internist liest noch einmal alle meine Antworten vor und klärt mich über die Risiken auf. Anschließend muss ich den Bogen unterschreiben, damit der Arzt, falls er mir während der Darmspiegelung versehentlich ein Bein amputiert, aus der Haftung ist. Ich unterschreibe. Damit ich zu Hause in Ruhe durchlesen kann, was ich eigentlich unterschrieben habe, bekomme ich eine Durchschrift. Außerdem erhalte ich ein Merkblatt mit Anweisungen für die Vorbereitung des Eingriffs und ein kleines Schächtelchen mit zwei Tütchen Pulver. Schießpulver sozusagen (ein Schelm, der jetzt denkt, ich hätte i und e vertauscht…).

Zwei Tage vor der Tour de Intestinum crassum (Intestinum crassum = Dickdarm) beschäftige ich mich intensiv mit dem Merkblatt. Dort steht, dass ich bereits seit drei Tagen keine Mahlzeiten mit kleineren Körnern (Müsli, Körnerbrot, Tomaten, Weintrauben, Kiwi, Gurken usw. und keine Eisenpräparate, keinen Spinat, keine Pilzgerichte, Paprika und Spargel) hätte essen dürfen. Obwohl ich keinen Hang zu solch gesunder Kost habe, überlege ich, was ich in den letzten Tagen verdrückt habe. Hätte ich gegrillt, hätte ich das noch gewusst. So aber fällt mir partout nicht ein, ob ich gesündigt habe.

Auf jeden Fall gönne ich mir am Abend vor dem Vorbereitungstag ein opulentes, körnerfreies Festmahl. Sozusagen die Henkersmahlzeit. Denn am nächsten Tag, dem Tag vor dem Tag X, darf ich nur frühstücken. Auf gar keinen Fall Mittag- oder Abendessen. Drei Ausrufezeichen stehen im Merkblatt hinter diesem Satz. Um wie viel Uhr ich frühstücken soll, steht hier nicht. Ich kombiniere aber messerscharf, dass ich mein Frühstück vermutlich vor 15:00 Uhr zu mir nehmen soll. Eigentlich frühstücke ich sehr selten und habe deshalb wenig Frühstücks-Erfahrung. Also einige ich mich mit mir selbst auf eine Frühstückszeit von 10:00 Uhr. Meine Schwägerin hat meiner Frau und mir einen Weckmann mitgebracht. Der muss als Frühstücksopfer herhalten. Ich entferne Pfeife und Lolli und schneide den Weckmann in Höhe seines Bauches quer durch – Darmspiegelung auf meine Art. Ein wenig Butter auf den Weckmann, dazu 2 Tassen Kaffee und die Sache ist abgefrühstückt.

Als Musterpatient studiere ich den Beipackzettel des Schießpulvers sehr genau. Wie ich das Pulver einnehmen muss und was ich vor der Einnahme beachten soll, macht mir keine Sorgen. Aber die Nebenwirkungen! Tröstlich ist, dass offensichtlich relativ wenig Leute an dem Zeug verendet sind, weil es zum Rohrkrepierer mutiert ist. Wesentlich öfter hingegen treten allergische Reaktionen mit Atemnot und schwere Bauchschmerzen, Geschwüre, Übelkeit, Ausschlag, Juckreiz und Kopfschmerzen auf. Kopfschmerzen bereitet mir das beim Lesen jetzt schon. Es gibt aber nicht nur Nachteile, sondern auch einen großen Vorteil: Mit dem Zeug wird der Darm nicht nur sauber, sondern rein!

Zwischen 18:00 Uhr und 19:00 muss ich das erste Tütchen in 150 ml Wasser einrühren und das Gebräu trinken. Schmeckt nicht schlecht. Ein wenig nach Zitrone. Nach einer vorgeschriebenen Trinkpause von 30 Minuten muss ich innerhalb der nächsten 2 Stunden mindestens 2 Liter Wasser oder Tee in mich hineinschütten. Meine Frau kocht mir 2 große Tupperkannen voll Rotbusch-Tee. Wegen der eventuell eintretenden Übelkeit stelle ich vorsichtshalber noch einen Eimer vor die Kloschüssel und außerdem auch noch 4 Sixpacks Klopapier vom Aldi. Nach dem ersten Liter Tee beginnt es im Bauch zu rumpeln und die ersten Klopfzeichen erreichen den Schließmuskel. Irgendwann gibt es dann kein Halten mehr. Für die nächsten Stunden verschwinde ich mit meinem Smartphone auf derToilette und spiele Sudoku zwischen den Atempausen.

Nachdem ich Darm und Toilette gespült habe und die Gefahr eines Rückfalls kleiner geworden ist, gehe ich ins Bett. Den Wecker stelle ich auf 3:00 Uhr. Um 4:00 Uhr soll ich das zweite Tütchen inhalieren. Ich mache das lieber ein wenig früher, um nicht in der Arztpraxis in Verlegenheit zu kommen. Also die gleiche Zeremonie wie am Abend zuvor.

Zum Glück bleibt die vom Pulver-Hersteller angekündigte Übelkeit aus.

Um 7:00 Uhr fahre ich zum Internisten. Im Gepäck habe ich ein kleines Handtuch (warum auch immer ich das mitbringen soll) und vorsichtshalber Ersatz(unter)hosen sowie feuchte Toilettentücher. Die extra Weichen. Zum Ausgleich für die harte Behandlung.

Mein Termin ist 7:30 Uhr. Die netten Arzthelferinnen führen mich in eine Kabine neben der Liege mit den Gerätschaften für die Darmspiegelung. Ich soll den Unterleib freimachen, ihn mit dem Handtuch abdecken und dann zur Liege gehen. Das mitgebrachte Handtuch stellt sich angesichts der netten Damen als etwas zu klein heraus. Ich hätte besser das Fünf-Quadratmeter-Tuch mitgenommen.

Eine angebotene Beruhigungsspritze lehne ich dankend ab. Ich will das Event bei vollem Bewusstsein erleben und mir den seltenen Einblick in mein tiefstes Inneres gönnen.

Eine der Arzthelferinnen misst meinen Blutdruck. Dann kommt der Arzt und jagt eine Kanüle in meinen linken Arm. Falls etwas Unvorhergesehenes passiert und ich an den Tropf muss oder falls ich mich während der Tortur doch noch für eine Beruhigungsspritze entscheiden sollte. Schöne Aussichten…

Zaghaft deute ich an, dass ich nicht weiß, ob die Wirkung des Schießpulvers noch andauert, denn mein Bauch rumpelt wie blöde und jeden Augenblick rechne ich insgeheim mit einer Katastrophe.

Der Arzt beruhigt mich und meint, sein Team und er wären auf alles vorbereitet. Spricht’s und zieht sich routiniert den Mundschutz über und hängt sich eine Art Gummischürze um.

Nach dem Motto „Wer gut schmiert, der gut fährt“, salbt der Arzt erst einmal die Stelle gut ein, in die er danach mit seinem Koloskop hineinfährt. Ich schaue gebannt auf den Bildschirm und verfolge die Reise in mich selbst. Die Arzthelferinnen müssen ab und zu auf verschiedene Stellen meines Bauches drücken. Vermutlich, damit der Arzt die Kurve besser kriegt. Er erklärt mir auch immer ganz genau, wo sich die Spitze des Koloskops gerade befindet.

Oft merke ich das aber auch unangenehm schmerzhaft! Die Helferinnen fragen dann, ob es noch geht. Es muss. Ich will jede Faser meines Darms spüren – und vor allem will ich den heutigen Tag nicht wegen eines Beruhigungsmittels verkehrsuntüchtig verdösen. Also mime ich den Starken. Allerdings merke ich, wie ich mich mit jedem Schmerz mehr verkrampfe. Und ich muss mich ab und zu zwingen, wieder locker zu werden.

Endlich ist das Koloskop komplett versenkt. Durch den gesamten Dickdarm durch, ist es im Dünndarm gelandet. Ich habe nachgemessen: Vom Po bis zum Kinn sind es bei mir ca. 85 cm. Da grenzt es an ein Wunder, dass das 120 cm lange Koloskop mir nicht zum Hals heraushängt.

Jetzt beginnt der Arzt mit dem Rückzug und damit mit der genauen Untersuchung des Darms.

„Ihr Darm sieht gut aus“ sagt der Arzt. Auch ich bin ganz hin und weg vor so viel Anmut und Schönheit. Und als er dann noch sagt, dass mein Darm Grübchen hat, bin ich vollends begeistert.

Diese Divertikel (so heißen die Grübchen im Fachjargon) sind nicht schlimm, können sich aber entzünden, was man jedoch sofort bemerkt. Z.B. mit einem Antibiotikum kann dann eine Entzündung gestoppt werden.

Das Koloskop erblickt nun wieder das Licht der Welt und ich darf mich ankleiden. Danach erhalte ich sogar eine Tasse Kaffee!

Auch wenn der Bauch jetzt vor allem durch die während der Koloskopie eingeblasene Luft noch ein wenig schmerzt: Ich bin doch heilfroh, dass alles in Ordnung ist.

8 Gedanken zu „Auch innen schön: Die Darmspiegelung“

  1. Lieber Ronald,
    danke für die ausführliche Beschreibung der Reise in die Unterwelt. Mir steht das auch in Kürze bevor. Eine Filmaufnahme unter dem Motto „eifelpanorama“ wäre für mich ein wenig verwirrend gewesen……schmunzel Liebe Grüße
    Dodo

    1. Liebe Dodo,
      schön, auch von meinen Schwestern einen Kommentar zu bekommen. Lieben Dank dafür!
      Meinen Internisten kann ich nur empfehlen. Sehr dezent und kompetent. Ist ja eine sehr intime Angelegenheit. Er hat seine Praxis übrigens in Hannas Nähe. Name und Adresse teile ich dir gerne bei Bedarf per eMail oder per Telefon mit.
      Liebe Grüße
      Dein Brüderchen

  2. Liebes Brüderchen, wird ja auch mal Zeit,dass deine kleine Schwester sich mit den Gegebenheiten des Pc’s auseinander setzt. Dauert bei mir natürlich alles viel länger als bei euch alten Computerhasen. Danke für deine Antwort und für die Empfehlung deines Arztes. Ich finde deine Seite richtig schön, man kann die Natur schnuppern, wenn man die Berichte liest und die Fotos anschaut. Lieben Gruß auch an Eka

    1. Hallo Dodo,
      danke auch für diese Ergänzung!
      Bleib meiner Website treu und rühr die Reklametrommel, damit es immer mehr Leser werden! Da meine Site reklamefrei ist, habe ich zwar von den Klicks nix, aber es ist doch ein schönes Erfolgserlebnis, wenn die Zahl der Leser immer neue Rekorde erreicht.
      Liebe Grüße
      Ronald

  3. wie dir eben schon telefonisch mitgeteilt, habe ich so herzhaft lachen müssen, dass mir die Tränen runtergelaufen sind. Herrlich deine Schreibweise, ich glaube, ich muss mir meinen Darm auch mal von innen anschauen. Vielleicht habe ich auch so schöne Grübchen:-)
    LG Heidi

    1. Hallo Heidili,
      danke, dass du zusätzlich zum Telefonat noch einen Kommentar abgegeben hast! Und es freut mich, dass der Bericht doch so gut ankommt. Hatte vorher Zweifel, ob man so etwas veröffentlichen kann. Erika hatte keine Bedenken, und da habe ich den Schritt gewagt.
      LG Ronald

  4. tja Ronald..
    das war ja nun mal fällig … .
    Ich hab das auch schon hinter mir, wenn nichts entdeckt wird,hat man zehn Jahre Ruhe, was ich wiederum für bedenklich lange halte, gemessen an unserem Alter und der allgemein bekannten Krebserkrankung Situation.
    Bewundernswert deine Neugierde,schade dass es nicht gefilmt wird,für uns Fotografen bestimmt nicht uninteressant…
    gr heinz

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